DIE GRÜNEN IN LEINGARTEN

 

DER GRÜN-ROTE KOALITIONSVERTRAG

 

27. März 2011.

Die Bürgerinnen und Bürger in Baden-Württemberg haben Geschichte geschrieben. Sie haben

bei der Landtagswahl den Wechsel gewählt. Die Menschen haben sich für eine neue Politik und für einen

neuen Politikstil entschieden. 

27. April 2011.

Der grün-rote Koalitionsvertrag steht. Sein Titel: Der Wechsel beginnt. Der Koalitionsvertrag

legt die Grundlage für eine neue Politik des Gehörtwerdens. Die Zeiten der Basta-Politik sind vorbei.

Gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürger will Grün-Rot den Politikwechsel verwirklichen. Alle sind

eingeladen das neue Baden-Württemberg mit zu gestalten, die Regierung versteht sich als Bürgerregierung.

 

Die Schwerpunkte des Koalitionsvertrags

Beste Bildung für alle

Die beste Bildung für alle Kinder – das wird das Markenzeichen der grün-roten Landesregierung sein. Wir

werden bestehende Bildungsblockaden einreißen. Damit der Bildungserfolg eines Kindes nicht länger vom

Geldbeutel oder der Herkunft seiner Eltern abhängt. Grün-Rot stellt deshalb die individuelle Förderung jedes

einzelnen Kindes von der Kita bis zur Uni ins Zentrum ihrer Politik.

 

Auf den Anfang kommt es an: Frühkindliche Bildung

Nie wieder lernen wir so viel und so schnell wie in den ersten Jahren unseres Lebens. Damit alle Kinder

durchstarten können, startet Grün-Rot eine Qualitätsoffensive bei der frühkindlichen Bildung und baut die

Betreuungsplätze massiv aus. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren wird

ohne Wenn und Aber umgesetzt. Alle Eltern, die einen Krippenplatz für ihr Kind haben wollen, erhalten diesen

spätestens im Jahr 2013. Auch die Ganztagsplätze bauen wir im ganzen Land aus. Dazu kommt: Grün-Rot

verbessert auch die Qualität der frühkindlichen Bildung und vor allem der Sprachförderung. Kitas und

Kindergärten erhalten schrittweise mehr Personal.

 

Bildungsaufbruch an den Schulen

Nicht die Kinder müssen passend für die Schule gemacht werden, sondern die Schule passend für die Kinder.

Deshalb stößt Grün-Rot eine innovative Schulentwicklung von unten an. Überall dort, wo Schulträger,

LehrerInnen und Eltern das wollen, können künftig zehnjährige Gemeinschaftsschulen angeboten werden: Sie

orientieren sich am erfolgreichen skandinavischen Schulmodell und stellen die individuelle Förderung ins

Zentrum. Davon profitieren die schwächeren SchülerInnen ebenso wie die leistungsstarken. Und die Schule

bleibt im Dorf.

 

Ganztagsschulen sollen in Zukunft nicht mehr die Ausnahme sein. Deshalb baut die künftige Landesregierung

Ganztagsschulen flächendeckend aus. Damit Kinder in der Grundschule stressfrei lernen können, ersetzen wir

die verbindliche Grundschulempfehlung durch eine qualifizierte Beratung der Eltern. Die Eltern entscheiden

danach über die weiterführende Schule für ihr Kind. Die zeitliche Belastung und der psychische Druck im

achtjährigen Gymnasien sind hoch. Dort, wo es es gewollt ist, können Gymnasien deshalb künftig einen acht-

und einen neunjährigen Zug anbieten. Die Werkrealschule ist nicht zukunftsfähig. Grün-Rot wird allen Schülern

an Haupt- und Werkrealschulen ein zehntes Schuljahr ermöglichen – und zwar ohne Notenhürde nach der 9.

Klasse. Schulsozialarbeit soll flächendeckend ausgebaut werden. Freie Schulen werden finanziell fair

ausgestattet.

 

Kinder mit Behinderung sollen gleichberechtigt an der Schule teilnehmen können. Deshalb erhalten die Eltern

behinderter Kinder ein Wahlrecht: Sie sollen selbst entscheiden können, ob ihre Kinder eine Sonderschule oder

eine Regelschule besuchen.

 

Hochschulen stärken

Studiengebühren sind sozial ungerecht. Grün-Rot wird deshalb die Studiengebühren im Land zum

Sommersemester 2012 abschaffen. Die Studierenden erhalten mehr Mitsprachrechte an der Hochschule: Sie

werden an wichtigen hochschulpolitischen Entscheidungen beteiligt, die Verfasste Studierendenschaft wird

wieder eingeführt. Die neue Landesregierung wird die Fehler, die Schwarz-Gelb bei der Einführung der

Bachelor- und Masterstudiengänge gemacht hat, korrigieren und die Bologna-Reform mit den Studierenden

zum Erfolg machen: Mit weniger Prüfungsdruck und einem flexibleren Studium.

 

Mehr direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung

Es reicht nicht, wenn die Bürgerinnen und Bürger nur alle fünf Jahre an die Wahlurnen gerufen werden. Die

Menschen müssen auch zwischen den Wahltagen die Möglichkeit haben, über wichtige politische Fragen

mitzuentscheiden. Die grün rote Landesregierung wird deshalb mehr Demokratie wagen und die Bürger stärker

beteiligen: Wir wollen die Hürden für Volksbegehren und Volksentscheide auf Landesebene senken und die

direkte Demokratie auf Landkreisebene und in den Kommunen stärken. Außerdem wird Grün-Rot neue

Formate der Bürgerbeteiligung vor allem für Infrastrukturprojekte einführen.

 

Erneuerbare statt Atom

Grün-Rot wird eine konsequente Energiewende weg vom Atom hin zu den Erneuerbaren einleiten – und

Baden-Württemberg so zum Musterland einer zukunftsfähigen Energieversorgung machen. Die künftige

Landesregierung wird sich auf Bundesebene für einen beschleunigten Atomausstieg einsetzen. Im Land sollen

die ältesten und störanfälligsten Atomkraftwerke im Land Neckarwestheim I und Philippsburg I

dauerhaft vom Netz gehen. Grün-Rot unterstützt eine ergebnisoffene und bundesweite Suche nach einem

Atommüll-Endlager. 

Bis 2020 will die künftige Landesregierung die Erneuerbaren Energien zur zentralen Säule der Stromerzeugung

machen. Deshalb werden wir die Blockade bei der Windkraft beseitigen und sie genau wie die Energie aus

Sonne, Wasser und Biomasse konsequent ausbauen. Ein weiteres Ziel ist die klimaneutrale Landesverwaltung.

Dazu werden wir die energetische Sanierung der landeseigenen Gebäude vorantreiben, und die

Landesverwaltung steigt auf Ökostrom um.

 

Den Wirtschaftsstandort fit für die Zukunft machen

Grün-Rot wird unsere Wirtschaft ökologisch und sozial modernisieren. Denn: Damit der Wirtschaftsstandort

erfolgreich bleibt, müssen wir mutig neue Wege gehen. Wer, wenn nicht Baden-Württemberg kann zur

weltweiten Modellregion werden, die wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand einerseits mit Ökologie und dem

Erhalt unserer Lebensgrundlagen andererseits verbindet? Die neue Landesregierung wird deshalb ihre

Wirtschaftspolitik klar auf zentrale Zukunftsfelder mit großen Wachstumspotentialen ausrichten: nachhaltige

Mobilität, Umwelttechnologien, Erneuerbare Energien, Ressourceneffizienz, Informationstechnologien,

 

Gesundheit und Pflege.

Fairer Wettbewerb und Gute Arbeit

Fairer Wettbewerb statt Lohndumping. Grün-Rot wird sich auf Bundesebene für einen gesetzlichen

Mindestlohn einsetzen. Zudem werden wir dafür sorgen, dass das Land künftig öffentliche Aufträge nur noch

an Unternehmen vergibt, die sich an Tarifverträge halten. Für nicht tarifgebundene Bereichte gilt ein

Mindestlohn von 8,50 Euro.

 

Nachhaltige Mobilität

Baden-Württemberg soll zur Pionierregion für nachhaltige Mobilität werden. Der Verkehr muss künftig einen

größeren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Grün-Rot strebt deshalb einen landesweiten Ausbau des öffentlichen

Personenverkehrs an. Die Mittel für den ÖPNV werden deutlich erhöht, um möglichst flächendeckend einen

Stundentakt mit Zügen, Bussen oder Sammeltaxis zu ermöglichen. Außerdem sollen mehr Güter auf die Schiene

verlagert werden. Statt auf den Neubau legen wir den Schwerpunkt auf den Erhalt des vorhandenen

Straßennetzes.

 

Stuttgart 21: Kostendeckel und Volksentscheid

Bei Stuttgart 21 hat Grün-Rot nach hartem Ringen einen fairen Kompromiss erzielt. Zentral ist der feste

Kostendeckel von 4,5 Milliarden: Wenn sich – etwa als Ergebnis des Stresstests – Mehrkosten ergeben, die über

diese Schallgrenze hinausgehen, wird sich das Land mit keinem Cent daran beteiligen. Über den Kostendeckel

besteht die Möglichkeit, dass das Projekt an seiner eigenen Kostenexplosion scheitert.

Das letzte Wort bei Stuttgart 21 haben die Bürgerinnen und Bürger. Sie entscheiden in einer Volksabstimmung.

Wichtig ist dabei:  Gegenstand der Abstimmung ist ausschließlich der Tiefbahnhof, während die SPD

ursprünglich über S21 plus Neubaustrecke Wendlingen-Ulm abstimmen lassen wollte. Da das derzeitige

Zustimmungungsquorum der Landesverfassung sehr hoch ist, wird sich die grün-rote Landesregierung für eine

deutliche Senkung dieses Quorums stark machen – wir hoffen, dass wir auch die CDU für ein solches

bürgerfreundliches Quorum gewinnen können. Grün-Rot fordert die Bahn auf, den Bau- und Vergabestopp zu

verlängern, damit bis zu einem Volksentscheid über Stuttgart 21 keine neuen Fakten geschaffen werden. Vor

einem Volksentscheid wird es den in der Schlichtung vereinbarten Stresstest geben. Dabei muss es vollständige

Transparenz geben. Nach Abschluss des Stresstests wird die grün-rote Landesregierung eine aktualisierte

Kostenrechnung einholen und diese umfassend prüfen.

 

Nachhaltige Finanzen

Nachhaltiges Haushalten sind wir unseren Kindern und Enkeln schuldig. Deshalb will Grün-Rot von 2020 an

keine neuen Kredite mehr aufnehmen und so die Schuldenbremse einhalten. Denn mit einem Schuldenrucksack

sind künftige Generation nicht mehr politisch handlungsfähig. Die neue Regierung wird ihre Arbeit mit einem

umfassenden Kassensturz beginnen. Außerdem werden wir ein strenges Kontrollsystem für den Etat einführen.

Damit sollen auch bisher versteckte Belastungen und der Schwund von Landesvermögen etwa durch den

Aufschub notwendiger Sanierungsarbeiten an Gebäuden oder Straßen ausgewiesen werden.

 

Konsequenter Umwelt-, Natur- und Verbraucherschutz

Grün-Rot wird die natürlichen Lebensgrundlagen schützen und den Umwelt- und Naturschutz stärken: Das gilt

für die Luftqualität ebenso wie für den Gewässer- und Lärmschutz und den Erhalt der biologischen Vielfalt. Wir

werden eine konsequente Naturschutzstrategie entwickeln und die Mittel dafür aufstocken. Um den

Flächenverbrauch zu begrenzen, werden klare Vorgaben entwickelt. Nur informierte VerbraucherInnen sind

mündige VerbraucherInnen. Wir werden die Lebensmittelkontrolle stärken, die Zahl der unabhängigen

Verbraucherzentralen erhöhen und mehr Transparenz schaffen.

 

Gentechnikfreies Baden-Württemberg

Grün-Rot schafft ein zu 100 Prozent gentechnikfreies Baden-Württemberg bei Pflanzenanbau und Tierzucht.

Denn Agro-Gentechnik bringt Risiken für Mensch und Umwelt und schafft Monokulturen auf den Feldern.

Außerdem ist gentechnikfreie Produktion ein echter Marktvorteil für unsere Bauern. Die neue Landesregierung

setzt auf Klasse statt Masse: Die Zukunft unserer klein - und mittelbäuerlich geprägten Landwirtschaft liegt in

qualitativ hochwertigen Produkten und nicht in Agrarfabriken oder Massentierhaltung. Gerade Bio bietet beste

wirtschaftliche Perspektiven. Wir werden deshalb die Landwirte stärker als bisher beim Umstieg auf

Ökolandbau unterstützen.

 

Vielfalt als Chance nutzen

Die Vielfalt der hier lebenden Menschen bietet große Chancen. Die grün-rote Landesregierung will diese

Chancen mit einer aktiven Integrationspolitik nutzen: Wir wollen im öffentlichen Dienst den Anteil an

Menschen mit Migrationshintergrund erhöhen, Einbürgerungen erleichtern und uns dafür stark machen, dass

ausländische Bildungsabschlüsse leichter anerkannt werden. Außerdem werden wir die Lebenssituation von

Flüchtlingen und Asylbewerbern im Land verbessern.

 

Gleiche Pflichten – gleiche Recht: Grün-Rot wird Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender gleichstellen. Die

Homoehe wird künftig auf dem Standesamt gefeiert. Verpartnerte schwule oder lesbische Paare werden im

Landesrecht  künftig gleich behandelt wie heterosexuelle Ehepaare.

 

Datenschutz stärken

Datenschutz ist Bürgerrecht. Um einen unabhängigen und bürgernahen Datenschutz zu verwirklichen, wird

Grün-Rot die beim Landtag angesiedelte oberste Datenschutzbehörde finanziell und personell besser ausstatten

und mit eigenen Sanktionsmöglichkeiten ausstatten. Die neue Landesregierung will eine bürgernahe Polizei und

den Personalabbau bei der Polizei stoppen. Auf Bundesebene wird sie sich für eine Verschärfung des

Waffenrechts stark machen.